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Rot-Grün-Schwäche: Vererbung und Ursachen einfach erklärt

Die Rot-Grün-Schwäche liegt in der Familie – aber oft springt sie scheinbar eine Generation. Hier erfährst du, wie die Vererbung genau funktioniert, welche Rolle die Mutter spielt und wie wahrscheinlich es ist, dass dein Kind betroffen ist.

Aktualisiert am · Lesezeit ca. 5 Min.

Inhalt
  1. Ist Farbenblindheit vererbbar?
  2. Wie entsteht Farbenblindheit? Die Ursache in den Genen
  3. Der X-chromosomale Erbgang
  4. Die Rolle der Mutter
  5. Wahrscheinlichkeiten für alle Elternkombinationen
  6. Woran erkennt man, ob man Überträgerin ist?
  7. Häufige Irrtümer zur Vererbung
  8. Vererbung anderer Farbsehschwächen
  9. Kinder testen
  10. Häufige Fragen

Ist Farbenblindheit vererbbar?

Ja – die allermeisten Farbsehschwächen sind angeboren und erblich. Das gilt besonders für die häufigste Form, die Rot-Grün-Schwäche. In Deutschland ist rund jeder zwölfte Mann betroffen, aber nur etwa jede 200. Frau. Dieser große Unterschied ist kein Zufall, sondern direkte Folge des Erbgangs.

Nur ein kleiner Teil der Farbsehstörungen entsteht erst im Laufe des Lebens, etwa durch Augenerkrankungen oder Medikamente. Diese erworbenen Formen werden nicht vererbt. Einen Überblick über beide Gruppen gibt der Ratgeber Farbsehschwäche.

Wie entsteht Farbenblindheit? Die Ursache in den Genen

Für das Farbsehen bei Tageslicht haben wir drei Arten von Zapfen in der Netzhaut. Jede Zapfenart enthält ein Sehpigment – ein Eiweiß namens Opsin –, das auf einen bestimmten Bereich des Lichts reagiert. Der Bauplan für diese Opsine liegt in unseren Genen:

GenSehpigment fürLage
OPN1LWRot-Zapfen (L, langwellig)X-Chromosom
OPN1MWGrün-Zapfen (M, mittelwellig)X-Chromosom
OPN1SWBlau-Zapfen (S, kurzwellig)Chromosom 7

Die Gene für Rot und Grün liegen direkt nebeneinander auf dem X-Chromosom und sind sich sehr ähnlich. Bei der Weitergabe der Erbinformation können sie deshalb leichter „verrutschen": Teile werden vertauscht, ein Gen geht verloren oder es entsteht ein Mischgen aus Rot- und Grün-Anteilen. Das Ergebnis ist ein Zapfen, der fehlt oder dessen Empfindlichkeit verschoben ist – also eine Protan- oder Deutan-Störung.

SM verschobenL400 nm500 nm600 nm700 nm
Deuteranomalie: Die Kurve der Grün-Zapfen (M) rückt an die Rot-Zapfen heran. Bei Deuteranopie fehlen die M-Zapfen ganz (gestrichelt = normale Lage).

Die Grafik zeigt das Beispiel Deuteranomalie: Die Kurve der Grün-Zapfen ist in Richtung Rot verschoben. Rot- und Grünsignal unterscheiden sich weniger – und damit auch die Farben.

Der X-chromosomale Erbgang

Die Rot-Grün-Schwäche wird X-chromosomal rezessiv vererbt. Das bedeutet:

XXMutter (Überträgerin)
×
XYVater (normal)
XYSohn
normal
XYSohn
Rot-Grün-Schwäche
XXTochter
normal
XXTochter
Überträgerin
X-chromosomaler Erbgang: Das betroffene Gen (rot markiertes X) liegt auf dem X-Chromosom. Söhne einer Überträgerin sind mit 50 % Wahrscheinlichkeit betroffen.

Die Grafik zeigt den häufigsten Fall: Die Mutter ist Überträgerin, der Vater sieht normal. Jeder Sohn hat dann ein Risiko von 50 %, betroffen zu sein; jede Tochter wird mit 50 % Wahrscheinlichkeit Überträgerin.

Die Rolle der Mutter

Söhne erben ihr X-Chromosom immer von der Mutter, vom Vater bekommen sie das Y-Chromosom. Deshalb gilt: Ein Sohn erbt die Rot-Grün-Schwäche immer über die Mutter, nie über den Vater. Ein betroffener Vater gibt die Anlage dagegen an alle seine Töchter weiter – sie werden Überträgerinnen.

So erklärt sich das typische „Überspringen" einer Generation: Der Großvater hat eine Rot-Grün-Schwäche, seine Tochter sieht normal, aber ihr Sohn ist wieder betroffen. Schätzungsweise rund 15 % der Frauen in Europa sind Überträgerinnen, ohne es zu wissen. Mehr dazu im Ratgeber Rot-Grün-Schwäche bei Frauen.

Wahrscheinlichkeiten für alle Elternkombinationen

Die folgende Tabelle zeigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit Söhne und Töchter betroffen sind. Vorausgesetzt ist, dass beide Eltern dieselbe Form (Protan oder Deutan) haben bzw. übertragen.

MutterVaterSöhneTöchter
normalnormalnicht betroffennicht betroffen, keine Überträgerinnen
Überträgerinnormal50 % betroffennicht betroffen, 50 % Überträgerinnen
normalbetroffennicht betroffennicht betroffen, alle Überträgerinnen
Überträgerinbetroffen50 % betroffen50 % betroffen, 50 % Überträgerinnen
betroffennormalalle betroffennicht betroffen, alle Überträgerinnen
betroffenbetroffenalle betroffenalle betroffen

Die Prozentangaben gelten für jedes Kind einzeln – ähnlich wie beim Münzwurf. Eine Überträgerin kann also durchaus zwei betroffene oder zwei nicht betroffene Söhne bekommen.

Ein Sonderfall: Hat der Vater eine Rotschwäche (Protan) und ist die Mutter Überträgerin für eine Grünschwäche (Deutan), sind die Töchter in der Regel nicht selbst betroffen. Sie tragen zwar auf jedem X-Chromosom eine Veränderung, aber für verschiedene Zapfen – jedes X liefert den jeweils fehlenden Zapfentyp.

Woran erkennt man, ob man Überträgerin ist?

Überträgerinnen sehen in aller Regel normal; ein Farbsehtest ist bei ihnen meist unauffällig. Hinweise ergeben sich aus der Familie:

Eine sichere Aussage ist nur über eine genetische Untersuchung möglich. In Deutschland wird sie in humangenetischen Beratungsstellen angeboten – bei einer reinen Rot-Grün-Schwäche ist sie aber nur selten nötig.

Häufige Irrtümer zur Vererbung

Vererbung anderer Farbsehschwächen

Kinder testen

Gibt es in der Familie eine Rot-Grün-Schwäche, lohnt es sich, Söhne frühzeitig testen zu lassen – am besten vor der Einschulung. So können Eltern und Lehrkräfte rechtzeitig reagieren. Tipps dazu gibt der Ratgeber Rot-Grün-Schwäche-Test für Kinder. Sobald dein Kind Zahlen sicher lesen kann, eignet sich auch unser kostenloser Online-Test für eine erste Einschätzung.

Häufige Fragen

Wird Rot-Grün-Schwäche von der Mutter vererbt?

Bei Söhnen ja: Sie erben ihr X-Chromosom immer von der Mutter. Ist die Mutter Überträgerin, ist jeder Sohn mit 50 % Wahrscheinlichkeit betroffen.

Ist Farbenblindheit vererbbar?

Ja, die meisten Farbsehschwächen sind angeboren und erblich. Die Rot-Grün-Schwäche wird X-chromosomal rezessiv vererbt, deshalb sind vor allem Männer betroffen.

Kann ein farbenblinder Vater die Rot-Grün-Schwäche an seinen Sohn vererben?

Nein. Der Vater gibt an Söhne das Y-Chromosom weiter. Seine Töchter werden aber alle Überträgerinnen.

Wie entsteht Farbenblindheit?

Meist durch Veränderungen der Gene OPN1LW oder OPN1MW auf dem X-Chromosom, die die Sehpigmente der Rot- oder Grün-Zapfen bilden. Seltener entsteht sie im Leben durch Augenerkrankungen.