Rot-Grün-Schwäche: Vererbung und Ursachen einfach erklärt
Die Rot-Grün-Schwäche liegt in der Familie – aber oft springt sie scheinbar eine Generation. Hier erfährst du, wie die Vererbung genau funktioniert, welche Rolle die Mutter spielt und wie wahrscheinlich es ist, dass dein Kind betroffen ist.
Inhalt
- Ist Farbenblindheit vererbbar?
- Wie entsteht Farbenblindheit? Die Ursache in den Genen
- Der X-chromosomale Erbgang
- Die Rolle der Mutter
- Wahrscheinlichkeiten für alle Elternkombinationen
- Woran erkennt man, ob man Überträgerin ist?
- Häufige Irrtümer zur Vererbung
- Vererbung anderer Farbsehschwächen
- Kinder testen
- Häufige Fragen
Ist Farbenblindheit vererbbar?
Ja – die allermeisten Farbsehschwächen sind angeboren und erblich. Das gilt besonders für die häufigste Form, die Rot-Grün-Schwäche. In Deutschland ist rund jeder zwölfte Mann betroffen, aber nur etwa jede 200. Frau. Dieser große Unterschied ist kein Zufall, sondern direkte Folge des Erbgangs.
Nur ein kleiner Teil der Farbsehstörungen entsteht erst im Laufe des Lebens, etwa durch Augenerkrankungen oder Medikamente. Diese erworbenen Formen werden nicht vererbt. Einen Überblick über beide Gruppen gibt der Ratgeber Farbsehschwäche.
Wie entsteht Farbenblindheit? Die Ursache in den Genen
Für das Farbsehen bei Tageslicht haben wir drei Arten von Zapfen in der Netzhaut. Jede Zapfenart enthält ein Sehpigment – ein Eiweiß namens Opsin –, das auf einen bestimmten Bereich des Lichts reagiert. Der Bauplan für diese Opsine liegt in unseren Genen:
| Gen | Sehpigment für | Lage |
|---|---|---|
| OPN1LW | Rot-Zapfen (L, langwellig) | X-Chromosom |
| OPN1MW | Grün-Zapfen (M, mittelwellig) | X-Chromosom |
| OPN1SW | Blau-Zapfen (S, kurzwellig) | Chromosom 7 |
Die Gene für Rot und Grün liegen direkt nebeneinander auf dem X-Chromosom und sind sich sehr ähnlich. Bei der Weitergabe der Erbinformation können sie deshalb leichter „verrutschen": Teile werden vertauscht, ein Gen geht verloren oder es entsteht ein Mischgen aus Rot- und Grün-Anteilen. Das Ergebnis ist ein Zapfen, der fehlt oder dessen Empfindlichkeit verschoben ist – also eine Protan- oder Deutan-Störung.
Die Grafik zeigt das Beispiel Deuteranomalie: Die Kurve der Grün-Zapfen ist in Richtung Rot verschoben. Rot- und Grünsignal unterscheiden sich weniger – und damit auch die Farben.
Der X-chromosomale Erbgang
Die Rot-Grün-Schwäche wird X-chromosomal rezessiv vererbt. Das bedeutet:
- Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom. Trägt ihr einziges X-Chromosom die Anlage, zeigt sich die Rot-Grün-Schwäche – es gibt kein zweites X, das ausgleichen könnte.
- Frauen haben zwei X-Chromosomen. Trägt nur eines die Anlage, gleicht das gesunde X das meist aus. Sie sehen normal, können die Anlage aber weitergeben – man nennt sie Überträgerinnen (Konduktorinnen).
- Eine Frau ist nur dann selbst betroffen, wenn beide X-Chromosomen die Anlage tragen.
normal
Rot-Grün-Schwäche
normal
Überträgerin
Die Grafik zeigt den häufigsten Fall: Die Mutter ist Überträgerin, der Vater sieht normal. Jeder Sohn hat dann ein Risiko von 50 %, betroffen zu sein; jede Tochter wird mit 50 % Wahrscheinlichkeit Überträgerin.
Die Rolle der Mutter
Söhne erben ihr X-Chromosom immer von der Mutter, vom Vater bekommen sie das Y-Chromosom. Deshalb gilt: Ein Sohn erbt die Rot-Grün-Schwäche immer über die Mutter, nie über den Vater. Ein betroffener Vater gibt die Anlage dagegen an alle seine Töchter weiter – sie werden Überträgerinnen.
So erklärt sich das typische „Überspringen" einer Generation: Der Großvater hat eine Rot-Grün-Schwäche, seine Tochter sieht normal, aber ihr Sohn ist wieder betroffen. Schätzungsweise rund 15 % der Frauen in Europa sind Überträgerinnen, ohne es zu wissen. Mehr dazu im Ratgeber Rot-Grün-Schwäche bei Frauen.
Wahrscheinlichkeiten für alle Elternkombinationen
Die folgende Tabelle zeigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit Söhne und Töchter betroffen sind. Vorausgesetzt ist, dass beide Eltern dieselbe Form (Protan oder Deutan) haben bzw. übertragen.
| Mutter | Vater | Söhne | Töchter |
|---|---|---|---|
| normal | normal | nicht betroffen | nicht betroffen, keine Überträgerinnen |
| Überträgerin | normal | 50 % betroffen | nicht betroffen, 50 % Überträgerinnen |
| normal | betroffen | nicht betroffen | nicht betroffen, alle Überträgerinnen |
| Überträgerin | betroffen | 50 % betroffen | 50 % betroffen, 50 % Überträgerinnen |
| betroffen | normal | alle betroffen | nicht betroffen, alle Überträgerinnen |
| betroffen | betroffen | alle betroffen | alle betroffen |
Die Prozentangaben gelten für jedes Kind einzeln – ähnlich wie beim Münzwurf. Eine Überträgerin kann also durchaus zwei betroffene oder zwei nicht betroffene Söhne bekommen.
Woran erkennt man, ob man Überträgerin ist?
Überträgerinnen sehen in aller Regel normal; ein Farbsehtest ist bei ihnen meist unauffällig. Hinweise ergeben sich aus der Familie:
- Hat dein Vater eine Rot-Grün-Schwäche, bist du sicher Überträgerin.
- Hast du einen Sohn mit Rot-Grün-Schwäche, bist du (bis auf seltene Neumutationen) ebenfalls Überträgerin.
- Hat ein Bruder oder ein Onkel mütterlicherseits eine Rot-Grün-Schwäche, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht.
Eine sichere Aussage ist nur über eine genetische Untersuchung möglich. In Deutschland wird sie in humangenetischen Beratungsstellen angeboten – bei einer reinen Rot-Grün-Schwäche ist sie aber nur selten nötig.
Häufige Irrtümer zur Vererbung
- „Mein Vater ist farbenblind, also bin ich es auch." – Für Söhne stimmt das nicht: Sie erben das X-Chromosom von der Mutter. Ob ein Sohn betroffen ist, hängt allein davon ab, ob die Mutter Überträgerin ist.
- „Frauen können nicht farbenblind sein." – Doch, nur seltener: Etwa 0,5 % der Frauen haben eine Rot-Grün-Schwäche, weil beide X-Chromosomen die Anlage tragen.
- „Die Schwäche wird mit jeder Generation stärker." – Nein. Form und Stärke hängen davon ab, welche Genveränderung weitergegeben wird. Innerhalb einer Familie sind sie meist ähnlich.
- „Wenn niemand in der Familie betroffen ist, kann es nicht vorkommen." – Doch. Die Anlage kann über mehrere Überträgerinnen weitergegeben werden, ohne aufzufallen. Viele Betroffene wissen auch selbst nichts von ihrer Schwäche.
Vererbung anderer Farbsehschwächen
- Blau-Gelb-Schwäche: Das Gen OPN1SW liegt auf Chromosom 7 und wird autosomal-dominant vererbt. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen, ein betroffener Elternteil gibt die Anlage mit 50 % Wahrscheinlichkeit weiter. Mehr dazu: Blau-Gelb-Schwäche.
- Achromatopsie: Die seltene totale Farbenblindheit wird autosomal-rezessiv vererbt. Ein Kind ist nur betroffen, wenn es von beiden Eltern eine veränderte Anlage erbt.
Kinder testen
Gibt es in der Familie eine Rot-Grün-Schwäche, lohnt es sich, Söhne frühzeitig testen zu lassen – am besten vor der Einschulung. So können Eltern und Lehrkräfte rechtzeitig reagieren. Tipps dazu gibt der Ratgeber Rot-Grün-Schwäche-Test für Kinder. Sobald dein Kind Zahlen sicher lesen kann, eignet sich auch unser kostenloser Online-Test für eine erste Einschätzung.
Häufige Fragen
Wird Rot-Grün-Schwäche von der Mutter vererbt?
Bei Söhnen ja: Sie erben ihr X-Chromosom immer von der Mutter. Ist die Mutter Überträgerin, ist jeder Sohn mit 50 % Wahrscheinlichkeit betroffen.
Ist Farbenblindheit vererbbar?
Ja, die meisten Farbsehschwächen sind angeboren und erblich. Die Rot-Grün-Schwäche wird X-chromosomal rezessiv vererbt, deshalb sind vor allem Männer betroffen.
Kann ein farbenblinder Vater die Rot-Grün-Schwäche an seinen Sohn vererben?
Nein. Der Vater gibt an Söhne das Y-Chromosom weiter. Seine Töchter werden aber alle Überträgerinnen.
Wie entsteht Farbenblindheit?
Meist durch Veränderungen der Gene OPN1LW oder OPN1MW auf dem X-Chromosom, die die Sehpigmente der Rot- oder Grün-Zapfen bilden. Seltener entsteht sie im Leben durch Augenerkrankungen.