Rot-Grün-Schwäche bei Frauen: selten, aber möglich
Farbenblindheit gilt als Männersache – und tatsächlich sind Männer rund 16-mal häufiger betroffen. Doch auch Frauen können eine Rot-Grün-Schwäche haben. Hier erfährst du, warum das selten ist, welche Rolle Überträgerinnen spielen und was es mit der sagenumwobenen Tetrachromasie auf sich hat.
Inhalt
- Können Frauen farbenblind sein?
- Warum Frauen so selten betroffen sind
- Überträgerinnen: normal sehen, Anlage weitergeben
- Tetrachromasie: Sehen manche Frauen mehr Farben?
- Fällt eine Rot-Grün-Schwäche bei Frauen später auf?
- Rot-Grün-Schwäche bei Frauen testen
- Was bedeutet das für Kinder?
- Hilfsmittel für Frauen mit Rot-Grün-Schwäche
- Häufige Fragen
Können Frauen farbenblind sein?
Ja. Eine Rot-Grün-Schwäche kommt bei Frauen vor, nur deutlich seltener als bei Männern. In Europa haben etwa 0,5 % der Frauen eine Rot-Grün-Schwäche, bei Männern sind es rund 8 %. Auf Deutschland übertragen heißt das: Rund 200.000 Frauen sind betroffen – gegenüber mehr als drei Millionen Männern.
Dass Frauen seltener betroffen sind, bedeutet aber nicht, dass ihre Farbsehschwäche schwächer ist. Wenn eine Frau eine Rot-Grün-Schwäche hat, kann sie genauso ausgeprägt sein wie bei einem Mann – von einer leichten Anomalie bis zur vollständigen Protanopie oder Deuteranopie.
Warum Frauen so selten betroffen sind
Der Grund liegt in den Chromosomen. Die Gene für die Rot- und Grün-Zapfen der Netzhaut liegen auf dem X-Chromosom.
- Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom. Trägt ihr einziges X die veränderte Anlage, zeigt sich die Rot-Grün-Schwäche.
- Frauen haben zwei X-Chromosomen. Ist nur eines verändert, gleicht das andere den Fehler in der Regel aus.
Eine Frau hat nur dann eine Rot-Grün-Schwäche, wenn beide X-Chromosomen eine passende Veränderung tragen – sie muss die Anlage also von Mutter und Vater geerbt haben. Typischerweise ist ihr Vater betroffen und ihre Mutter Überträgerin oder selbst betroffen. Weil das Zusammentreffen beider Faktoren selten ist, ist auch die Rot-Grün-Schwäche bei Frauen selten.
normal
Rot-Grün-Schwäche
normal
Überträgerin
Die Grafik zeigt den häufigsten Erbgang: Mutter Überträgerin, Vater normalsichtig. Die Töchter sind dann nicht betroffen, aber jede zweite wird selbst Überträgerin. Alle Kombinationen mit Wahrscheinlichkeiten findest du im Ratgeber Rot-Grün-Schwäche: Vererbung.
Überträgerinnen: normal sehen, Anlage weitergeben
Viel häufiger als eine eigene Rot-Grün-Schwäche ist bei Frauen das Tragen der Anlage. Schätzungsweise rund 15 % der Frauen in Europa sind Überträgerinnen (Konduktorinnen) – meist ohne es zu wissen. Sie sehen normal, geben die Anlage aber mit 50 % Wahrscheinlichkeit an jedes Kind weiter.
Woran du erkennen kannst, ob du Überträgerin bist:
- Dein Vater hat eine Rot-Grün-Schwäche – dann bist du sicher Überträgerin.
- Du hast einen Sohn mit Rot-Grün-Schwäche – dann bist du es (abgesehen von seltenen Neumutationen) ebenfalls.
- Ein Bruder oder ein Onkel mütterlicherseits ist betroffen – dann ist die Wahrscheinlichkeit erhöht.
Manche Überträgerinnen zeigen in sehr genauen Tests minimale Abweichungen beim Rot-Grün-Sehen, etwa beim Anomaloskop. Im Alltag bemerken sie davon aber in aller Regel nichts.
Tetrachromasie: Sehen manche Frauen mehr Farben?
Eine faszinierende Nebenwirkung des Erbgangs: Bei manchen Überträgerinnen bildet ein Teil der Zapfen ein leicht verschobenes Sehpigment. Sie haben dann möglicherweise vier statt drei verschiedene Zapfenarten in der Netzhaut. Man spricht von Tetrachromasie.
Ob diese Frauen tatsächlich mehr Farben unterscheiden können, ist allerdings eine andere Frage. Vier Zapfenarten zu besitzen bedeutet nicht automatisch, dass das Gehirn das zusätzliche Signal auch nutzt. Die Forschung hat bislang nur sehr wenige Frauen gefunden, die in Labortests tatsächlich feinere Farbunterschiede wahrnahmen als normal sehende Menschen. Wie häufig eine solche „funktionelle" Tetrachromasie ist, gilt als ungeklärt.
Fällt eine Rot-Grün-Schwäche bei Frauen später auf?
Oft ja. Weil die Rot-Grün-Schwäche als „Männerthema" gilt, denken viele bei Mädchen und Frauen gar nicht daran. Hinzu kommt: Wer von Geburt an so sieht, hält die eigene Wahrnehmung für normal. Typische Hinweise sind:
- Unsicherheit bei Farben wie Rot und Braun, Grün und Braun, Lila und Blau oder Pink und Grau
- Schwierigkeiten bei Make-up-Tönen, Haarfarben oder dem Kombinieren von Kleidung
- Probleme beim Erkennen, ob Fleisch durchgebraten oder Obst reif ist
- Farbige Diagramme, Landkarten oder Kabel sind schwer zu unterscheiden
Wenn in deiner Familie Männer eine Rot-Grün-Schwäche haben und du selbst bei Farben manchmal unsicher bist, lohnt sich ein Test.
Rot-Grün-Schwäche bei Frauen testen
Der Test funktioniert bei Frauen genauso wie bei Männern. Mit unserem kostenlosen Rot-Grün-Schwäche-Test von COLORDROP bekommst du in wenigen Minuten eine erste Einschätzung, ob eine Rot- oder Grünschwäche wahrscheinlich ist. Für eine sichere Diagnose ist der Augenarzt die richtige Adresse – er kann mit Farbtafeln und dem Anomaloskop auch die genaue Form bestimmen. Ob du Überträgerin bist, zeigt ein Farbsehtest dagegen in der Regel nicht.
Was bedeutet das für Kinder?
Hat eine Frau selbst eine Rot-Grün-Schwäche, sind alle ihre Söhne betroffen, und alle Töchter werden mindestens Überträgerinnen. Ist sie Überträgerin, hat jeder Sohn ein Risiko von 50 %. In beiden Fällen ist es sinnvoll, Söhne früh testen zu lassen – Tipps dazu gibt der Ratgeber Rot-Grün-Schwäche-Test für Kinder.
Hilfsmittel für Frauen mit Rot-Grün-Schwäche
Für Frauen stehen dieselben Hilfsmittel zur Verfügung wie für Männer: Farbfilter im Smartphone, Farberkennungs-Apps und spezielle Brillen für Farbenblinde, die bei vielen Betroffenen den Kontrast zwischen Rot und Grün verstärken. Wichtig ist vor allem, die eigene Farbsehschwäche zu kennen – dann lassen sich viele Alltagssituationen leicht anpassen.
Häufige Fragen
Können Frauen farbenblind sein?
Ja, aber selten. Etwa 0,5 % der Frauen in Europa haben eine Rot-Grün-Schwäche, gegenüber rund 8 % der Männer.
Warum sind Frauen seltener farbenblind?
Die Gene für Rot- und Grün-Zapfen liegen auf dem X-Chromosom. Frauen haben zwei davon, ein intaktes X gleicht ein verändertes meist aus.
Woher weiß ich, ob ich Überträgerin bin?
Wenn dein Vater oder dein Sohn eine Rot-Grün-Schwäche hat, bist du Überträgerin. Bei einem betroffenen Bruder ist die Wahrscheinlichkeit erhöht. Sicher klärt das nur ein Gentest.
Gibt es Frauen, die mehr Farben sehen?
Manche Überträgerinnen haben vier statt drei Zapfenarten (Tetrachromasie). Ob sie tatsächlich mehr Farben unterscheiden, ist nur in wenigen Einzelfällen belegt.