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Anomaloskop: der genaueste Test für das Farbsehen

Tafeltests zeigen, ob eine Farbsehschwäche vorliegt. Wie stark sie ist und welche Form genau, misst erst das Anomaloskop. Hier erfährst du, wie das Gerät funktioniert, wie die Untersuchung abläuft und was der Anomaliequotient bedeutet.

Aktualisiert am · Lesezeit ca. 5 Min.

Inhalt
  1. Was ist ein Anomaloskop?
  2. Das Nagel-Anomaloskop: Geschichte und Prinzip
  3. Ablauf der Untersuchung
  4. Auswertung: Was der Anomaliequotient bedeutet
  5. Wann ist eine Anomaloskop-Untersuchung nötig?
  6. Unterschied zum Ishihara-Test
  7. Erst online testen, dann zum Augenarzt
  8. Wie zuverlässig ist das Anomaloskop?
  9. Andere Anomaloskope
  10. Häufige Fragen

Was ist ein Anomaloskop?

Das Anomaloskop ist ein optisches Messgerät, mit dem Augenärztinnen und Augenärzte das Farbsehen sehr genau prüfen. Es gilt als Referenzmethode für die Diagnose einer Rot-Grün-Schwäche: Während Tafeltests wie der Ishihara-Test vor allem anzeigen, ob etwas auffällig ist, bestimmt das Anomaloskop, welche Form vorliegt und wie ausgeprägt sie ist.

Der Name setzt sich aus „Anomalie" und dem griechischen „skopein" (betrachten) zusammen. Gemeint sind die Farbanomalien – also etwa die Protanomalie (Rotschwäche) und die Deuteranomalie (Grünschwäche), bei denen eine Zapfenart verschoben arbeitet.

Das Nagel-Anomaloskop: Geschichte und Prinzip

Das klassische Gerät geht auf den deutschen Augenarzt und Physiologen Willibald A. Nagel zurück, der es Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte. Bis heute spricht man deshalb oft vom Nagel-Anomaloskop. Moderne Geräte arbeiten elektronisch mit Leuchtdioden, das Messprinzip ist aber gleich geblieben.

Grundlage ist die sogenannte Rayleigh-Gleichung: Ein reines Gelb lässt sich für das menschliche Auge aus einer Mischung von Rot und Grün „nachbauen". Wer normal sieht, braucht dafür ein ganz bestimmtes Mischungsverhältnis. Menschen mit Rot-Grün-Schwäche brauchen ein anderes – und genau diese Abweichung misst das Anomaloskop.

S (Blau)M (Grün)L (Rot)400 nm500 nm600 nm700 nm
Normales Farbsehen: drei Zapfentypen mit getrennten Empfindlichkeitskurven.

Die Grafik zeigt die drei Zapfenarten des normalen Farbsehens. Für die Rayleigh-Gleichung zählen vor allem die Grün-Zapfen (M) und die Rot-Zapfen (L). Ist eine dieser Kurven verschoben, ändert sich das Verhältnis, mit dem Rot und Grün zusammen wie Gelb wirken.

Ablauf der Untersuchung

Die Untersuchung ist schmerzfrei und dauert meist zehn bis zwanzig Minuten. So läuft sie typischerweise ab:

  1. Blick ins Okular: Du schaust in das Gerät und siehst einen kleinen runden Kreis, der in zwei Hälften geteilt ist.
  2. Zwei Felder: Eine Hälfte zeigt ein Mischlicht aus Rot und Grün, die andere ein gelbes Vergleichslicht.
  3. Abgleichen: Du oder die untersuchende Person verändert das Rot-Grün-Verhältnis sowie die Helligkeit des Gelbs, bis beide Hälften für dich gleich aussehen.
  4. Mehrere Durchgänge: Der Abgleich wird mehrfach wiederholt, zwischendurch schaust du kurz auf eine neutrale Fläche, damit sich das Auge nicht an die Farben gewöhnt.
  5. Bereich bestimmen: Zum Schluss wird geprüft, welche Mischungen du noch als „gleich" akzeptierst. Daraus ergibt sich, wie breit dein Gleichheitsbereich ist.
Du musst für die Untersuchung nichts vorbereiten. Gönn deinen Augen vorher aber eine Pause von sehr hellem Licht oder langer Bildschirmarbeit – und sag Bescheid, wenn du müde bist oder die Konzentration nachlässt.

Auswertung: Was der Anomaliequotient bedeutet

Das wichtigste Ergebnis ist der Anomaliequotient (kurz AQ). Er vergleicht dein Rot-Grün-Mischungsverhältnis mit dem eines durchschnittlich normal sehenden Menschen. Vereinfacht gilt:

ErgebnisBedeutung
AQ etwa 0,7 bis 1,4normales Farbsehen (Normbereich, je nach Gerät leicht unterschiedlich)
AQ deutlich unter dem NormbereichHinweis auf eine Protanomalie – zum Abgleich wird mehr Rot benötigt
AQ deutlich über dem NormbereichHinweis auf eine Deuteranomalie – zum Abgleich wird mehr Grün benötigt
jede Mischung wird akzeptiertHinweis auf eine Dichromasie, also Protanopie oder Deuteranopie

Neben dem Quotienten ist auch die Breite des Einstellbereichs aufschlussreich: Je mehr unterschiedliche Mischungen jemand als gleich empfindet, desto stärker ist die Farbsehschwäche in der Regel ausgeprägt. Bei Protan-Formen fällt außerdem auf, dass das rote Licht dunkler wahrgenommen wird – das Gelb muss dann ebenfalls dunkler eingestellt werden.

Wichtig: Die genauen Grenzwerte hängen vom Gerät und der verwendeten Skala ab. Die Einordnung übernimmt deshalb immer die Ärztin oder der Arzt, nicht eine Zahl allein.

Wann ist eine Anomaloskop-Untersuchung nötig?

Für die meisten Menschen reicht ein Tafeltest völlig aus, um zu wissen, ob sie eine Rot-Grün-Schwäche haben. Ein Anomaloskop kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn es auf eine genaue, belastbare Diagnose ankommt:

Nicht jede Augenarztpraxis in Deutschland besitzt ein Anomaloskop, da die Geräte teuer sind und vergleichsweise selten gebraucht werden. Frag am besten schon bei der Terminvereinbarung nach. Wird die Untersuchung für eine Bewerbung oder ein Gutachten benötigt, kann sie eine Privatleistung sein – auch das lohnt sich vorher zu klären.

Unterschied zum Ishihara-Test

Ishihara-TestAnomaloskop
PrinzipZahlen aus farbigen Punkten erkennenzwei Lichtfelder farblich abgleichen
Erkenntob eine Rot-Grün-Schwäche vorliegtForm (Protan/Deutan, Anomalie oder Anopie) und Stärke
Dauerwenige Minutenetwa 10–20 Minuten
Verfügbarkeitfast jede Praxis, auch online als Selbsttestnur spezialisierte Praxen und Kliniken
Typischer EinsatzSuchtest, EinstiegstestDiagnose, Gutachten

Beide Tests ergänzen sich: Der Tafeltest ist schnell und eignet sich zum Aufspüren, das Anomaloskop zur genauen Bestimmung. Einen Überblick über alle Verfahren findest du im Ratgeber Farbsehtest: alle Methoden im Überblick.

Erst online testen, dann zum Augenarzt

Bevor du einen Termin für eine Anomaloskop-Untersuchung vereinbarst, kannst du mit unserem kostenlosen Rot-Grün-Schwäche-Test eine erste Einschätzung bekommen. Er arbeitet mit 22 Tafeln nach dem Ishihara-Prinzip und zeigt dir am Ende, ob eher eine Rot- oder Grünschwäche wahrscheinlich ist. Ein Online-Test ersetzt keine ärztliche Diagnose – er hilft dir aber, gezielt nachzufragen.

Wie zuverlässig ist das Anomaloskop?

Das Anomaloskop gilt als sehr zuverlässig, weil es nicht vom Druck einer Tafel, vom Bildschirm oder von der Beleuchtung im Raum abhängt – das Licht im Gerät ist genau definiert. Trotzdem spielt die Mitarbeit eine Rolle: Wer müde ist, sich unter Druck gesetzt fühlt oder das Prinzip noch nicht verstanden hat, stellt manchmal ungenau ein. Erfahrene Untersucherinnen und Untersucher wiederholen deshalb mehrere Abgleiche und achten darauf, dass die Ergebnisse zueinander passen. Bei Kindern ist die Untersuchung meist erst ab dem Schulalter sinnvoll, weil sie Geduld und Konzentration erfordert.

Andere Anomaloskope

Neben der klassischen Rot-Grün-Messung gibt es Geräte, die zusätzlich einen Blau-Grün-Abgleich (die sogenannte Moreland-Gleichung) erlauben. Damit lassen sich auch Störungen im Blau-Gelb-Bereich untersuchen, wie sie bei einer Blau-Gelb-Schwäche oder bei manchen Augenerkrankungen auftreten. Diese Geräte findet man vor allem in Unikliniken und spezialisierten Zentren.

Häufige Fragen

Was ist ein Anomaloskop?

Ein Messgerät beim Augenarzt, mit dem man zwei Lichtfelder farblich abgleicht. So lassen sich Art und Stärke einer Rot-Grün-Schwäche genau bestimmen.

Was ist ein normaler Anomaliequotient?

Als normal gilt meist ein Wert von etwa 0,7 bis 1,4. Die genauen Grenzen hängen vom Gerät ab, die Einordnung übernimmt der Augenarzt.

Wie lange dauert eine Anomaloskop-Untersuchung?

In der Regel etwa 10 bis 20 Minuten. Sie ist schmerzfrei und braucht keine Vorbereitung.

Hat jeder Augenarzt ein Anomaloskop?

Nein, die Geräte sind teuer und vor allem in spezialisierten Praxen und Kliniken vorhanden. Frag am besten bei der Terminvereinbarung nach.